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1. Angst und Scham

Von einem Liebenden durchschaut…

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er.
„Doch ich weiß auch, dass du nicht einfach beschließen kannst, die Angst möge vergehen. Sie ist erst mal da und sie darf da sein! Du hast jetzt Angst, und du wirst vielleicht noch ein Weilchen Angst haben. Aber ich bin sehr sicher, irgendwann, wirst du dich nicht mehr fürchten. Es wird die Zeit kommen, da du gern hier sein wirst.“
Unsicher schaute der junge Mann ihn an.
Er lächelte…„Und bis es soweit ist, werden wir es beide akzeptieren, dass du noch Angst hast.“

…Und während er so zu ihm sprach, schauten sie immer noch einander an.

Melina sah den beiden zu, hörte ihre Stimmen, starrte gebannt in den Spiegel. Sie glaubte zu halluzinieren oder sonst wie zu spinnen. Sie traute ihren Augen und Ohren ebenso wenig, wie dieser Mann es tat. War sie doch gerade Zeuge einer Begebenheit, wie sie diese ihrer besten Freundin sogar, nur zögerlich erzählen würde.

Die Hände der beiden Männer waren immer noch ineinander verschlungen. Wer war diese Gestalt, die wie ein gewöhnlicher Mensch aussah und wirkte aber keinerlei Schatten warf? Wie war es nur möglich, das diese Gestalt so viel von ihm wusste, ihm bis tief ins Herz zu schaun schien? Sein Händedruck wurde fühlbar fester.


Unbehaglich dachte er: „Ich bin total durchschaut!“

„Ja“, antwortete ruhig und kraftvoll der Mann ohne Schatten mit den goldenen Augen, die seinen Blick noch immer in einem unerklärlichen Bann hielten.
Und wie aus weiter Ferne hörte er noch eine andere Stimme. Eine Frau flüsterte: „Ja, aber du bist von einem Liebenden durchschaut!“
Woher kam diese Stimme, die in ihm einen schwachen Hauch von Vertrautheit und seltsamer Erleichterung auslöste?
Es schien alles nicht mehr ganz so schlimm…
Konnte es sein, dass er es sich sogar wünschte, durchschaut, gesehen, IN ALLEM erkannt, wirklich gekannt zu werden? Gesehen als der, der er war – mit ALLEN Höhen und Tiefen, Licht- und Schattenseiten? Aber nein, da war so vieles, was er nicht offenbaren wollte, was niemand sehen durfte… auf keinen Fall… unter keinen Umständen…

Die Angst, in voller Gänze nicht zu genügen, sich in all seiner Nacktheit zu zeigen. Die innere Spaltung in das Gute in ihm und das scheinbar Böse. All die dunklen Gefühle und Gedanken, die er zuweilen im Leben auch hatte – für die er tiefe Scham und Schuldgefühle hatte, die tief im Dunkel seines Herzens, auf das Licht der Erlösung warteten.

Die Angst vor Scham in den Boden zu versinken, beim Anblick in die bedingungslose Liebe selbst, fürchtete er so sehr. Die Angst nicht zu genügen, einer Liebe, die er letztlich doch fürchtete nicht wert zu sein. Und doch erahnte er, dass er sich, sich selbst stellen musste.

Er wusste aber auch, das er nicht allein damit gelassen war.
Und wieder diese liebevolle Stimme einer Frau: „Es gibt nichts zu verbergen, das der bedingungslosen Liebe, in der Du bist, nicht standhielte. Hab nur Mut und Vertrauen, zu sein der Du wirklich bist.“

Woher kam nur diese Stimme? Er hörte sie deutlich, sah aber keine andere Person als diesen Mann ohne Schatten  mit den goldenen Augen. Wo war sie? Forschend schaute er in alle Richtungen…









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