24. Ich bin bereit – mit aller Angst

Immer wieder einmal gab es Momente, in denen sich Melina einsam fühlte, doch fand sie im Singen eine Möglichkeit, wie sie sich selbst Trost und Geborgenheit geben konnte, wenn sie es brauchte. Noch schöner wäre es jedoch gewesen, wenn sie gemeinsam mit anderen Menschen hätte singen können. Wieder dachte sie wie schon so oft: „Ein Chor kommt für mich nicht in Frage, weil ich an regelmäßigen Chorproben aufgrund des Schichtdienstes nicht teilnehmen kann.“ Was sie sich nicht so recht eingestand war ihr Unbehagen, das sie bei dem Gedanken empfand, neu in eine bestehende Gemeinschaft zu kommen.

Wenn sie allein in ihrer Küche sang, stellte sie sich oft vor, wie sie in einem großen Kreis mit ganz vielen Menschen und manchmal auch Engeln zusammen singen würde…  An diesem Abend als sie leise vor sich hin summend  wohlig entspannt in der warmen Badewanne lag, wanderten ihre Gedanken nach Luminarien, das Land, in dem alle Sehnsüchte Erfüllung fanden. Sie war Teil eines gigantischen Chores in einer wunderschönen Kathedrale voller Blumen, Kerzen und Kristallen. Die wunderbaren starken Klänge der Stimmen drückten sich auch in einem ständig sich wandelnden leuchtenden Farbspiel aus, das die Kathedrale in den verschiedensten farbigen Lichtern erstrahlen ließ. Melina stand mit den anderen Sängern und Sängerinnen  ganz dicht zusammen in einem Kreis Schulter an Schulter. Jeder hatte die Arme auf den Schultern des Nebenmannes oder der Nebenfrau gelegt, die Kinder um die Hüften der Großen, dabei schaukelte die ganze Runde sanft hin und her… Ein kraftvolles mehrstimmiges  „We shall overcome“ ertönte…

Bei der Strophe „We are not afraid“ trug ihre eigene Stimme Melina wieder  zurück in das Gewahr-Sein der inzwischen schon etwas abgekühlte Realität ihrer Badewanne. Sie spürte, dass es an der Zeit war aus zu steigen aus dem lauwarmen Badewasser und ebenso aus ihrem etwas lauwarmen Alltag. Sie wollte so gern etwas finden, das ihr die Erfüllung ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und Gesang brachte – nicht nur in ihrer inneren Welt! Aber wie? Wie konnte sie es anstellen?

„Bitte, all ihr guten Kräfte, die IHR für mich sorgt, unterstützt  mich darin, Menschen zu finden, mit denen ich singen kann! Ich habe es bereits in Luminarien erlebet, schon mehrmals. Es muss doch möglich sein, so etwas ansatzweise auch hier zu finden! Bitte helft mir dabei! Zeigt mir den Weg dorthin!“
Sie hatte ihren Wusch laut ausgesprochen und nun konnte sie ihn erst einmal loslassen. Ja? Konnte sie das wirklich?
Nein – so gestand sie sich ein – noch ist mir meine Angst vor dem Neu-Anfang im Wege, die Furcht, neu in eine bestehende Gruppe zu kommen. Das war für sie schon als Kind immer schwierig gewesen, weil sie ein eher stilles und schüchternes Mädchen war, das Angst davor hatte, etwas zu sagen, was die anderen „doof“ finden könnten. Das hatte sie leider auch mehrmals schmerzlich erleben müssen. Doch ihre Zurückhaltung, die daraus entstanden war, brachte ihr auch Missbilligung und Ablehnung ein. Viele Mitschüler hielten sie für „seltsam“ oder gar „hochnäsig“. Dabei war ihre Sehnsucht, einfach nur  dazu zu gehören, angenommen zu sein als Teil der Gemeinschaft unsagbar groß – ebenso groß wie die Angst vor Ablehnung… diese Gefühle waren ihr nun allzu deutlich, als sie sich eingestand, dass sie in ihrem Leben etwas verändern wollte, dass sie gern einen neuen Schritt wagen würde…
Melina wusste plötzlich, sie musste zunächst erst einmal bereit sein, einfach nur bereit sein. Mutig sprach sie nachdem sie aus der Badewanne gestiegen war vor dem Zu Bett gehen die Kraftworte: „Ich bin bereit – mit aller Angst – ich bin bereit… helft mir zu finden, was ich suche…“

„…eine singende Gemeinschaft, eine „Singing Sanga“, in der es nicht um Leistung geht, sondern um die Freude am Singen, um die Lust an gemeinsamen Tönen…“ Das waren die Zauberworte, die sie zwei Wochen später in der Pause während einer herrlichen  Liedernacht in einer großen Kirche hörte. Die Leiterin des großen Mantra-Chores dort erzählte gerade von den Sing-Abenden, an denen sich die verschiedensten Menschen trafen, um  miteinander spirituelle Lieder aus den verschiedensten Traditionen und Kulturen zu singen.

„Ich würde gern mitsingen,“ hörte sich Melina sagen, „könnte aber nicht regelmäßig zu den Abenden kommen, an denen ihr euch trefft. Also wird wohl nichts draus…?“  Nein, mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet: „Das macht überhaupt nichts! Viele können nicht regelmäßig kommen. Wir singen miteinander so, wie es immer gerade geht – und es geht immer super! Du bist herzlich willkommen in unserer singenden Gemeinschaft!“
WILLKOMMEN – das war das Wort, auf das ihr Herz gewartet hatte – und eine neue Tür öffnete sich…

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