19. Verschiedene Ebenen – In der Einheit

Eigentlich denken Ravel und Melina sich nur eine Geschichte aus von Luminarien, dem Land des Lichts und der Herzensliebe. Doch sie entdecken, dass es „Türen“ gibt, die die Welten miteinander verbinden und dass die Liebe, die sie in Lunarien erleben zunehmend ihre irdische Realität beeinflusst…

„Welch tiefgreifende und wundervolle Erfahrung des Willkommenseins ich da gerade machen durfte“, dachte Melina abends im Bett liegend, so bei sich. Tiefe und unglaubliche Dankbarkeit durchströmte ihr liebevolles Herz. Es war wie ein Meer, in dem sie zu schwimmen schien, ein Meer voller satter Liebe in ihrer tiefsten Deutlichkeit. Sie schien nicht nur darin zu baden und zu schwimmen, sie schien nicht nur davon umgeben zu sein, nein, sie war ein vollwertiger Teil, dieses Ganzen. Sie nannte es auch oft einfach nur die Einheit allen Seins. Ein unglaubliches Gefühl der Ehrfurcht über all diese Schönheit und den Reichtum, den sie hier in Luminarien fand, erfasste sie. Das Tolle an der Geschichte war – denn  im wahrsten Sinne des Wortes  schrieb sie doch an einer – dass sie all diese Erfahrungen mit der Liebe ohne Gegenteil  in ihre irdische Welt mit hinübernehmen konnte.

„Mein Gott wie habe ich das nur verdient. Wer bin ich denn, dass man mich so liebt, mich so reich beschenkt?“ Tränen der Freude nässten ihre Wangen. Wie lange schon hatte sie sich danach gesehnt, diese Tränen weinen zu dürfen. Die Tränen der Selbstannahme gepaart mit unglaublicher Dankbarkeit. Einfach wundervoll, wie sich ihr irdisches Leben mehr und mehr in Liebe verdeutlichte, ja zum Ausdruck kam. Sicher – sie war schon immer recht feinfühlig und auch mitfühlend, nur erlebte sie jetzt ihr liebevolles Wesen noch viel bewusster. Still im Herzen war es  ihr ein offenes Geheimnis: „Mein Mitgefühl und mein liebevolles Verständnis intensiviert sich, wenn ich darauf achte, es im gleichen Maß mir selbst und anderen entgegen zu bringen.“

Gerade als sie sich so schön warm eingekuschelt hatte und schon auf ihrer Einschlafseite lag, mit all diesen wunderschönen Gefühlen im Herzen, fiel ihr ihr ehemaliger kleiner Schützling Melvin ein, der kleine kranke Junge, der erst kürzlich verstorben war, dem sie doch fest versprochen hatte in seiner letzten irdischen Stunde beizustehen. Sie sah sein Gesicht, seine liebevollen Kulleraugen, die ihn vertauensvoll um diesen Beistand seiner lieben Betreuerin, die sie war, gebeten hatte. Plötzlich überkam sie ein Gefühl des „Im Stich gelassen habens“. Es war auch ein Gefühl des „Verrats an Melvin“ in ihr, von dem sie fest glaubte, ihn an Melvin begangen zu haben. Diese dunkle Energiewolke des Schuldigseins ergriff sie nun mehr und mehr, sie konnte das gar nicht kontrollieren oder gar abstellen. All diese Liebe und Dankbarkeit in der sie eben noch weilte und badete, der Himmel auf Erden, verdichtete sich nun zu einem ganz kalten und engen Ort der Dunkelheit. Es war, als hockte sie an einem gottverlassenen Ort,  an dem die Liebe ohne Gegenteil nun doch ihre Grenze zieht.

Sie fing bitterlich und schmerzvoll zu weinen an. Die Tränen der Verzweiflung brannten auf ihren Wangen, die tiefe Sehnsucht, sich jetzt einfach in Nichts aufzulösen, einfach nicht mehr zu sein, überwältigte sie nahezu. Es war ihr wie  ein ewiger Strudel, der sie in sich hinein sog, es wurde dunkler und dunkler um sie herum.

„Mein lieber, lieber Melvin, es tut mir so leid. Ja, ich wollte dir beistehen, wirklich! Ich habe es dir versprochen. Mein Versprechen ist ein heiliger Schwur, den ich gebrochen hab. Sicher war es ganz ganz furchtbar für dich, so zu gehen, so ganz allein zu sterben. Sicher warst du voller Angst und tiefster Verlassenheit. Deine Mutter war nicht da, deine Geschwister nicht, und ich, ich habe dich auch im Stich gelassen. Mein lieber kleiner Melvin, wenn du mich hörst…bitte….bitte vergib mir, bitte lieber Melvin. Ich hoffe, du kannst mir diesen Vertrauensbruch verzeihen, ich liebte dich so sehr. Es tut mir so weh, so unendlich weh, dass ich dich in dieser Stunde nicht begleiten konnte, deine Hand nicht halten, dir nicht von den Engeln, nicht von Luminarien erzählen konnte.“

Ein tiefes und fast laut hörbares Schluchzen erfasste sie, als plötzlich das Zimmer, in dem ihr Bett stand, von hellgleißenden Blitzen erhellt wurde. Es müssen drei oder vier gewesen sein. Jetzt war ihr ängstlich zumute. Was mochte das sein? Noch ehe sie ihre Frage zu Ende gedacht hatte, trat eine kleine Lichtgestalt aus den Blitzen heraus. Sie war von strahlendem Licht umhüllt. Es war Melvin, der nun an ihrem Bett stand.

Er hielt etwas Leuchtendes und Geheimnisvolles in den Händen. In behutsamen Schritten kam er Melina nun näher. Sie konnte ein goldenes Gefäß erkennen, in dem eine goldbraune Flüssigkeit, die aus Licht zu bestehen schien, zu sehen war. Mit gütigen und liebevollen Augen, so wie sie Melvin auch zu Lebzeiten kannte, stand er da.

„Oh meine liebe, liebe Lina. Es tut mir so leid für dich das du jetzt gerade so krank bist.“
Melina war noch völlig überrascht und verwirrt. „Du….hier…..Meeeelvin! Oh mein Gott, Melvin….kannst Du mir verzeihen……ich….ich….es tut mir leid, so unendlich leid….“ Wieder begann sie heftig zu weinen.
„Lina, du liebe, liebe Lina, du musst dich jetzt schonen, du willst doch sicher bald wieder gesund werden, oder? Du brauchst jetzt Ruhe und deine Medizin, die ich dir hier mitgebracht habe.“
Liebevoll und fürsorglich, so wie sie einst Melvin gepflegt und versorgt hatte, reichte er ihr den goldenen Kelch. Ihr Schluchzen und Weinen schien sich allmählich zu beruhigen.
„Melvin, mein Lieber,  ach wie freu ich mich dich noch einmal zu sehen……“ Sie lächelte ihn liebevoll an.
„Wie kommst du eigentlich darauf, ich sei krank?“
Wissend sah der Kleine sie an: „Fühlst du dich denn nicht irgenwie krank, ist dir nicht zumindest innerlich im Herzen ganz  unwohl?“
Auf seine Frage hin, kullerten erneut die Tränen, irgendwie verstand sie so langsam, was er denn mit Kranksein wohl meinen könnte.

„Cincera lässt dich liebevoll grüßen und wünscht dir baldige Genesung. Sie lässt dir ausrichten, dass man viel Ruhe und gute Medizin braucht, wenn man krank ist, um wieder ganz schnell heil zu werden, verstehst du – auch wenn man in den Gefühlen krank ist!“.
„Woher kennst du denn Cincera?“ Tiefe Verwunderung stand nun in ihrem Gesicht. „Na ich bin doch jetzt wieder zu Hause in Luminarien, manche sagen ja auch Jenseits oder die Geisterwelt oder so. Da kennt doch jeder diese liebe weise Frau, die du doch selbst dort bist.“ Er strahlte übers ganze Gesicht. Seine Augen strahlten so viel Liebe aus, so viel Herzensgüte und Mitgefühl schwang im Ton seiner Stimme mit…

“ Nun aber los, nimm jetzt mal brav deine Medizin, Cincera und ich haben lange daran gerührt um ganz viel Liebe, Vergebung und Mitgefühl mit reinzutun….hihi.“ Das war sein freches, keckes Lachen, sein Sinn für Späße – er hatte einfach ein so bestechend bezauberndes Wesen, ihr kleiner Melvin. Mit fast zitternden Händen, in einer verschwommenen Vorahnung, dass hier gleich Großartiges geschehen würde, griff sie nach dem Kelch. In liebevoller Fürsorge für Melina, führte der kleine Junge  ganz behutsam und vorsichtig den Kelch an ihren Mund. Sie nahm einen Schluck von der glodbraunen Flüssigkeit, dann einen zweiten, und weitere folgten bis der Kelch leer war.

Die Medizin schmeckte allerdings nicht wie gewöhnliche Medizin, sondern sie war eher süß wie Honig. Melvin sah ihr direkt in die Augen, als etwas Merkwürdiges geschah. Sie sah ein helles, strahlendes Licht in seinen Augen. Unvermittelt lag sie, wie an jenem Tag als Melvin verstarb, in seinem Bett. Sie konnte sein Zimmer durch die Augen des kleinen Jungen  ganz genau sehen. Sie sah Melvin einmal in der Beobachterposition und einmal aus seiner individuellen Sicht, also wie er seinen Übergang erlebt hatte. Das Zimmer war in ein feierliches Licht getaucht. Ganz viele liebevolle und wohlwollende Wesen standen im Halbkreis mit einem sanften Lächeln um Melvins Bett. Es waren  sehr viele, Lichtgestalten, unter denen sich auch einige Engel und Feen befanden, die sie zuvor noch nie gesehen hatte. Ssie kannte sie nicht. Aus Melvins Position erblickte sie auch Cincera, die andächtig das Lied der Liebe und des Friedens anstimmte. Wie sie sanft Melvins Hand hielt, der ebenfalls in das Lied einstimmte und ein sanftes und friedvolles Lächeln auf den Lippen trug. Jetzt konnte sie deutlich fühlen, wie innig geliebt und willkommen sich Melvin gefühlt haben musste. Nach all´ den Chemos, nach all´ dem Bangen und Hoffen, nach den bitteren Tränen, die seine Mutter vergossen hatte, am Ende dieses herausfordernden  Schicksalsweges, den Melvin auf der Seelenebene selbst erwählt hatte, war er nicht allein. Sie fühlte einen tiefen Frieden und eine kribbelige Vorfreude, die Melvin da  auf seinem Sterbebett wohlig durchflutete.

Sie konnte in diesem besonderen Moment gar nicht mehr zwischen sich selbst und Melvin unterscheiden. War sie es gerade, die hier starb und den ganzen licht- und liebevollen Übergang erlebte?  Tief in ihrem Inneren, das ja in diesem Augenblick mit seiner Seele in Verbindung war, erkannte  sie, daß er in Wahrheit ohne Melina, ohne seine Geschwister und ohne seine Mutter den Übergang vollziehen wollte. Ein Teil von ihr, nämlich jener, der voller Scham und Schuldgefühle war,  der glaubte, versagt zu haben und Melvin im Stich gelassen und verraten zu haben, der Teil, den Melvin als krank bezeichnete, ging tatsächlich nun in Frieden wieder zurück ins Licht. Auch dieser innere Anteil war ja in Wahrheit Licht, nur verschattetes Licht. Denn Menschen haben oft Angst, ihren Schatten, ihre „unwürdigen“ Gefühle dem Licht der Wahrheit auszusetzen. Es war eine gnadenvolle Erfahrung für Melina, die mit Erlösung und Heilung einherging. Dann verblasste die Szene wieder. Sie sah immer noch in das liebevoll strahlende Jungengesicht und bemerkte, wie der Kleine sie mit einem kecken Augenzwinkern, wieder in ihrer irdischen Welt begrüßte.

„Siehst du Lina, du hast dein Versprechen gehalten, hast deinen heiligen Schwur, den du mir gabst, nicht gebrochen. Du hast mich weder veraten noch im Stich gelassen. Du warst als Cincera in jener wichtigen Stunde meines Übergangs direkt an meinem Bett und sangst dieses wundervolle Lied. Nur warst du auf einer anderen Ebene, auf einer höheren Ebene, bei mir, während die irdische Melina noch in der Übergabe saß, mit dem tiefen Herzenswunsch, mir beizustehen. Meine geliebte Lina, es gibt nichts zu vergeben und wie ich sehe hat deine Medizin schon gewirkt.“
„Woher weißt du denn, dass sie gewirkt hat?“.
„Ich sehe es an deinen Augen, und ich sehe den Seelenfrieden in deinem Herzen, den du jetzt wieder hast, dein höchstes Gut, deine ganze Heiligkeit. Ich danke dir meine liebe Lina, für all die liebevolle und fürsorgliche Betreuung. Du warst die große Schwester, die ich mir immer so sehr wünschte, die ich in meiner Fantasie immer schon hatte. Lina, wir sind nichts als Liebe, nur Liebe. Bitte liebe Lina, gib all´ das, was du jetzt  gerade hier erlebst und auch sonst in Luminarien, an die Kinder weiter. Sie werden dich verstehen, sie sehen was du sehen kannst. Und bitte sag meiner lieben Mom, dass ich sie liebe und dass ich hier sehr, sehr glücklich bin.
Es wird auf jeden Fall ein Wiedersehen geben. Ich werde  sie eines Tages, wenn ihre Stunde gekommen ist, auch abholen und willkommen heißen. Sag ihr bitte, dass der Tod nichts Schlimmes oder Endgültiges ist. Es ist nur ein Augenzwinkern – und dann bist du wieder zu Hause. Sag ihr bitte: Sie ist nicht allein, niemals! Ich liebe sie so sehr“.

Langsam nahm das Zimmer wieder seine eigentlichen Lichtverhältnisse an. Melvin verschwand mit seinem fröhlichen Lachen und einem knuffigen Augenzwinkern wieder in seine Heimat zurück nach Luminarien oder dem Jenseits? Ach, der Name dieser wunderbaren Welt war jetzt nicht wichtig.

Melina fühlte tiefen und von allem losgelösten Frieden. Bevor sie in einen tiefen und erholsamen Schlaf glitt, hörte sie sich noch sagen: „Danke, Cincera, dass ich durch dich mein Versprechen halten durfte. Ich danke dir. Ich liebe dich!“

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