18. Melina singt mit

Eigentlich denken Ravel und Melina sich nur eine Geschichte aus von Luminarien, dem Land des Lichts und der Herzensliebe. Doch sie entdecken, dass es „Türen“ gibt, die die Welten miteinander verbinden und dass die Liebe, die sie in Lunarien erleben zunehmend ihre irdische Realität beeinflusst…

Schon seit ihrer Kindheit hatte Melina gern gesungen.  Manchmal träumte sie davon, mit vielen Menschen gemeinsam zu singen. Doch durch ihre unregelmäßige Arbeitszeit schien es ihr nicht möglich, in einem Chor mit zu wirken. Einerseits bedauerte sie das, andererseits versuchte sie aber auch nicht, sich dieses Bedürfnis zu erfüllen und einen Singkreis ausfindig zu machen, da sie auch etwas Angst hatte, neu zu einer bestehenden Gruppe – egal welcher – dazu zu kommen, weil sie befürchtete, sich nicht so recht dazu gehörig zu fühlen. Das war ein altes schmerzliches Gefühl von ihr…

An diesem Nachmittag hatte sie sich eine CD eingelegt und sang dazu, während sie ihre haushaltlichen Pflichten erledigte. Erinnerungen an ihre Zeit im Schulchor wurden wach. Das Singen hatte ihr viel Freude gemacht, aber die Beziehung zu ihren Mitschülern war nicht immer leicht gewesen. Sie hatte sich oft ausgeschlossen gefühlt, weil sie anders war als die andren – empfindsamer, ruhiger…  Verloren in ihren Gedanken nahm sie ihr altes Fotoalbum aus dem Schrank und blätterte etwas traurig darin herum.
Ach wie schön könnte es doch sein, wenn sie nicht so schüchtern wäre, wenn sie eine Gruppe Gleichgesinnter träfe, die ebenso gern wie sie gemeinsam sängen…  Dabei träumte sie sich weit weg…

Sie  ging durch Luminariens herrliche Landschaft einen Weg entlang, der sie zum Palast, zu einer sehr auffälligen Tür führte, auf der in großen Buchstaben das Wort „WILLKOMMEN“ geschrieben stand.

Wie war sie hier her gekommen?
Gerade hatte sie doch noch im Fotoalbum ihrer Erinnerungen geblättert und alte Schulfotos betrachtet. Damals hatte sie sich selten willkommen gefühlt. Jetzt diese Tür … sollte sie sie öffnen? Sicher war die Tür mit dem schönen Wort nicht für sie bestimmt. Oder doch? Vielleicht galt das Wort ja doch ihr – hier war schließlich vieles anders als in ihrer irdischen Welt. 


Es mußte doch einen Grund geben, weshalb diese Palast-Tür ihr gerade heute auffiel. Sie sah wunderschön aus, so einladend! Außerdem war Melina ein wenig neugierig. Sie würde die Tür nur einen Spalt weit öffnen und einen Blick in den Raum dahinter werfen. Leise und vorsichtig schielte sie hinein in einen wunderschön geschmückten Raum, der im Licht von Kerzen warm und anheimelnd wirkte, so dass sie ihre Vorsicht vergaß und die Tür etwas weiter öffnete.

Was mindestens genauso schön war wie der Kerzenschein, das waren die wundervollen Klänge, die sie nun hörte. Ein Kreis singender Menschen öffnete sich ihr. Unschlüssig stand sie an der Tür. War sie hier tatsächlich willkommen? Zögernd ging sie in die Lücke des Kreises und spürte links und rechts eine Hand, die sich ihr ganz selbstverständlich öffnete und sie einbezog. Melina ergriff links und rechts die ihr gereichten Hände. Nun war der Kreis geschlossen. 

Sie stimmte mit ein in den Gesang und sang mit den anderen ein ihr bekanntes Friedenslied. Nein, sie sang es nicht nur, sie fühlte es. Fühlte die warmen Hände, die ihre umfassten, fühlte die Töne in all ihren Zellen vibrieren, fühlte die Energie der Worte: „A-salam-aleikum – Frieden sei mit Euch.“ Und sie war Teil dieses gesungenen Friedens hier, sie gehörte dazu, war willkommen …

Fast schmerzhaft fühlte sie, wie oft und wie lange schon sie sich danach gesehnt hatte, willkommen zu sein, dazu zu gehören. Alte traurige Erinnerungen blitzten wieder in ihr auf, eine Sehnsucht, deren Erfüllung sie hier gerade fand. Arme legten sich um ihre Schultern. Die tiefen Töne der Männerstimmen mischten sich mit den höheren Stimmen der Frauen, der Kreis bewegte sich im Rhythmus zum Gesang. Leicht drückte eine mitfühlende Hand ihre bebenden Schultern. Sie war wirklich willkommen, sie gehörte dazu – hier und jetzt. Es war so schön, dass es weh tat.
Heilende Tränen konnten fließen und der Gesang nahm ihre alte Last, einen so alten Kummer, tröstend in sich auf und machte es möglich, dass Melina sich auf eine neue Erfahrung einlassen konnte: Sie durfte dazu gehören. Berührt dankte sie dem Kreis der Singenden, die dies möglich gemacht hatten, und sie dankte sich selbst, dass sie es sich erlaubt hatte, die Tür zu öffnen, ihre persönliche Willkommens-Tür zum Palast der ungeahnten Möglichkeiten hier in Luminarien…

Konnte sie solch eine Tür auch in ihrer realen Welt finden, oder war es nur ein Erlebnis in ihrer inneren Welt, das sie in ihrer anderen, ihrer physischen Wirklichkeit nicht finden konnte? Es war egal, gleichgültig, gleichermaßen gültig, denn sie hatte gefühlt, wie es ist, dazu zu gehören, geborgen zu sein in einem Kreis von Menschen, die der Melodie ihrer Herzen folgen. Und dieses Gefühl konnte nichts und niemand ihr nehmen!

Hier und jetzt wusste Melina, sie würde ihren Weg weitergehen, bis er sie unweigerlich wieder zu einer solchen Erfahrung führen würde. Wichtig war einzig und allein, auf die Tür mit der Aufschrift „Willkommen“ zu achten und sie zu öffnen, wo immer sie sich zeigte…


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1 Response so far »

  1. 1

    Wunderbar. Und mir fällt dazu etwas von mir selbst ein, das ich grad erlebe. Auch ich hab mich in dieser Welt, in meinem Leben niemals willkommen gefühlt. Ich gehörte schon in meiner irdischen Familie nie dazu. Nicht bei meinen Eltern und auch sonst nicht. Es gab bislang irgendwie nur meinen verstorbenen Mann Thoma und seine Mama Lilo, die mir ein Gefühl von dazu gehören gaben. Bei ihnen hab ich mich zuhause gefühlt. Aber beide starben vor einigen Jahren. Und da war ich wieder allein. Aber ich hab eben weiter gemacht, wie schon immer in meinem Leben. Irgendwie hab ich mich ja immer durchgeboxt.

    Und dann kam ich auf meinen spirituellen Weg. Und in letzter Zeit ist es immer mehr so, daß ich das alte loslassen kann. Irgendwie geh ich auch durch immer mehr Türen. Unsere Ruth nennt es „Torwege“, so wie ihren Blog. Und jetzt ist es so seit einigen Tagen, daß ich eine Tür aufgemacht hab und reingegangen bin. Und das alte stirbt. Und nix ist mehr so, wie es war. Kann nix mehr festhalten. Und das ist soo schön. Und seitdem passieren so schöne Sachen. Ich finde mich selbst und seitdem bekomme ich auch so viel von außen. Jetzt, wo ich es eigentlich abgeschrieben habe. Da ich nix mehr brauche von außen, da ich alles habe in mir. Jetzt bin ich mit einmal auch im außen Willkommen. Sehr erstaunlich.

    Jetzt, wo ich immer mehr merke, daß ich toll bin, so wie ich bin, und wo es kaum noch weh tut, wenn andere sich nicht mehr die Mühe machen, genauer hinzuschauen, da treffe ich mit einmal Menschen, die genauer hinschauen. Erstaunlich. Und die bleiben dann und es wird immer enger.

    Alles Liebe von Kirstin


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