15. Wir sind doch alle eins!

Melina wechselte schnell ihre Schuhe, überflog die Eintragungen, die die Nachtschwester ins Protokoll gemacht hatte, um dann zu dem kleinen todkranken Melvin zu gehen. Schade, dass sie nicht schon früher da gewesen war, wo er doch so dringend nach ihr verlangt hatte!

Sie dachte zurück an einen Abend, an dem er starke Schmerzen hatte und ihr von seiner Angst vor dem Tod erzählt hatte. In ihrer liebevollen Art hatte sie ihm zugehört und ihn getröstet, indem sie ihm von den Engeln erzählte, die ihn abholen würden und von jener wunderschönen Lichtwelt, in der sich alle Wesen geborgen und wohl fühlten.

Aber seine größte Sorge war es, dass er seiner geliebten Mutter Kummer bereiten würde, wenn er diese Welt verließe. Melina hatte überlegt, was ihm in seinen schweren Gedanken helfen könnte und meinte schließlich:

„Weißt du, Melvin, jeder Mensch hat einen Schutzengel, der immer für ihn da ist.
„Nicht nur Kinder?“ fragte er erstaunt.
„Nein,“ erwiderte Melina lächelnd, „auch erwachsene Menschen wie deine Mutti haben ihre Engel. Der Schutzengel deiner Mama wird sich um sie kümmern, wen du nicht mehr da bist.  Kein kleiner und kein großer Mensch ist jemals wirklich allein. Allerdings können Kinder ihre Engel und himmlischen Gefährten noch deutlicher wahrnehmen als die meisten Erwachsenen. Kennst du denn deinen Engel?“
Melvin überlegte… „Vielleicht ist es ja Theresa.“
„Wer ist denn Theresa?“ fragte Melina interessiert.
„Sie kommt immer dann, wenn keiner im Raum ist. Abends vor dem Einschlafen ist sie immer da und streichelt meinen Kopf bis es nicht mehr so weh tut und ich schlafen kann. Und geträumt habe ich auch schon von ihr.
Es ist…“ Melvin überlegte, wie er es ausdrücken konnte, „…als ob sie mich ins Traumland trägt. Und wenn wir dort sind, dann spielen wir oder wir baden im schönen Glitzersee. Manchmal sind auch andre Kinder dabei. Im Traum bin ich immer gesund und habe keine Schmerzen.“‚

„Siehst du, mein Kleiner, und genau so wird es sein, wenn du stirbst. Sterben ist nicht so ein tolles Wort dafür. Es wird einfach so sein, dass Teresa dich in diese schöne Welt trägt, die du aus den Träumen ja schon kennst. Ich bin ganz sicher, dass sie dein Schutzengel ist. Und ich glaube, so wie du diese schöne Welt jetzt besuchen kannst im Schlaf, so kannst du dann auch von dort aus deine Mutti hier im Traum besuchen kommen.“
„Ich wünsche mir, dass Mutti da ist, wenn ich rüber gehe! Und wenn sie nicht da sein kann, weil sie bei meinen Geschwistern sein muss, kannst du dann bei mir sein?“‚
„Ja, Melvin, das verspreche ich dir,“ anwortete die junge Hospiz-Schwester berührt von dem kindlichen Vertrauen, „wenn es irgend geht, dann werde ich bei dir sein, wann immer du mich brauchst!“

Mit diesen Gedanken im Kopf eilte sie durch den Flur zum Zimmer ihres kleinen Patienten. Sie öffnete leise die Tür – und erfasste mit einem Blick, dass er bereits ohne ihren Beistand diese Welt verlassen hatte.
Bewegungslos stand sie im Zimmer. Sie hatte doch versprochen, in dieser Stunde bei ihm zu sein. Er hätte nicht allein sterben sollen! Tränen liefen an ihren Wangen herunter. „Es tut mir so leid“, flüsterte sie. „Wäre ich doch nur eine halbe Stunde früher hier gewesen.“

Langsam ging sie auf das Bett zu, in dem er  lag. Sein Gesicht war geprägt durch ein leises Lächeln. Er wirkte friedlich und entspannt – fast als würde er über etwas schmunzeln…
„Melvin, wo bist du?“ fragte sie leise, schaute suchend im Zimmer umher und schaute schließlich aus dem Fenster in den Himmel. „Wo bist du?“
Da „hörte“ sie einen Gedanken tief in ihrem Inneren: „Wir sind doch alle eins. Jetzt versteh ich es! Ich bin mit meiner Welt in dir – und du bist in mir.“

Konnte es sein? War es wirklich Melvins Antwort, die sie da als Gedanke in sich wahrnahm?
Doch auch wenn es so war, auch wenn er jetzt seinen Frieden hatte, so war er in seinen letzten Minuten doch allein gewesen. Sie war nicht bei  ihm. Sie hatte ihr Versprechen nicht gehalten!

Die nächsten Stunden und Tage waren für Melina furchtbar, so sehr quälten sie die Schuldgefühle…
Jede kleine Handlung fiel ihr schwer. Sie brauchte all´ ihre Kraft und Konzentration, um ihre Pflichten im Hospiz zu erfüllen, und wenn sie zuhause war, gelang es ihr nur mit größter Mühe, ihren Alltag zu bewältigen. Immer wieder dachte sie: „Wäre ich doch etwas früher da gewesen! Hätte ich es nicht wissen müssen, dass sein Tod so nahe war?  Habe ich die Anzeichen übersehen? Wie schlimm muß es für den Kleinen gewesen sein, in dieser Stunde allein zu sein…“

Irgendwann kam sie auf den erlösenden Gedanken zu beten: „Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann hilf mir. Ich weiß keinen Ausweg aus diesem furchtbaren Schuldgefängnis. Ich bin schuld, dass Melvin allein sterben musste. Aber ich kann das allein  nicht mehr tragen. Ich geb das alles jetzt DIR. Bitte hilf!“

Bei diesen Gedanken entspannte sie sich endlich und Hilfe war unterwegs!
Sie schaute in den Himmel – die Wolkenfelder formierten sich zu einer Landschaft…


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4 Antworten so far »

  1. 1

    Wie wunderschön! Und ich weiß, Melvin ist jetzt so glücklich, und es geht ihm so gut, wie vielleicht niemals zuvor. In meinem Leben ist meine gesamte Familie einschließlich meines Mannes (insgesamt 12 nahe Personen) bereits hinüber gegangen.

    Irgendwann war mir klar: Wenn ich weine, wein ich um mich. Daß ich hierbleiben muß. Daß ich hier alleine ohne sie alle bin. Ihnen geht es richtig gut. Für sie ist es die Freude, endlich wieder zuhause zu sein. Klar sind sie traurig, wenn wir trauern. Aber sie können uns ja jederzeit wahrnehmen.

    Na ja, und da hab ich dann in den letzten Jahren versucht, danach zu handeln. Ich wußte, irgendwann darf ich auch endlich gehen. Und dann seh ich sie wieder.

    Und jetzt ist es ja so, daß in der Neuen Energie sowieso alles anders ist. Jetzt gefällt mir manchmal mein Leben auch schon, bin schon mal glücklich, einfach so aus mir heraus. Ich komme immer mehr raus aus dem Gefängnis. Werde immer klarer, lerne immer mehr die Wirklichkeit kennen.

    Ich freue mich jedenfalls für Melvin und wünsche seinen Eltern und der Hospiz-Schwester alles Liebe. Daß sie alles überstehen.

    Alles Liebe von Kirstin

    • 2

      Liebe Kirstin,
      Du liebe Kirstin,
      hab ganz herzlichen Dank für deine offenen Worte. Du hast ja wahrlich schon viel Abschiedsschmerz ertragen müssen – und du hast so Recht: Wir weinen um uns selbst, wenn wir trauern, dass wir ohne unsere Lieben klar kommen müssen. Und diese Trauer, dieses schmerzliche Vermissen ist auch in Ordnung, so wie ja alles in der Liebe seinen Platz findet, so auch unsere Trauer. Sie ist gehalten in liebenden Händen. Und es stimmt sicher auch: Die, die uns voraus gegangen sind, haben heim gefunden in sichere liebende Geborgenheit, in blühende Welten von Freiheit, Licht und Liebe.
      Bewundernswert, schön und berührend, dass du schreibst: „Jetzt gefällt mir manchmal mein Leben auch schon, bin schon mal glücklich, einfach so aus mir heraus. Ich komme immer mehr raus aus dem Gefängnis. Werde immer klarer, lerne immer mehr die Wirklichkeit kennen.“ So möge es sich immer mehr vertiefen in deinem Leben, liebe Kirstin!
      Dies wünschen dir von Herzen Olaf und Marina
      P.S. Wir freuen uns, wenn du uns wieder besuchen kommst!

      • 3

        Wie gehts denn weiter in der Geschichte? Könnte Melvin uns ein bißchen was von der anderen Seite erzählen? Und damit vielleicht auch seiner Mama helfen?

        Danke schön für Eure netten Wünsche.

        Alles Liebe von Kirstin

  2. 4

    Liebe Kirstin,

    er wird auf jeden Fall weiter von der „anderen Seite“ berichten. Denn die andere Seite ist ja letztlich nichts anderes als Luminarien selbst. Die Lichtwelt hat viele Namen, doch letztlich ist es ja die Heimat aller Seelen. Unsere eigentliche Heimat.

    Alles Liebe und einen schönen Sonntagabend,

    Marina und Olaf


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