14. Melina und die Weisheit der Kinder

Es war bereits in den frühen Morgenstunden, als Melina mit diesem tiefen Frieden in ihrer irdischen Welt wieder erwachte. Immer noch hörte sie wie aus weiter Ferne diese liebevolle und mitfühlende Stimme ihrer inneren Weisheit, die ihr in der vergangenen Nacht als Lichtgestalt mit einem engelhaften  Antlitz in einem Traum von Luminarien erschien und ihr diesen unglaublich tiefen Frieden nur durch eine Berührung ihrer Hand übermittelte.
Sie sagte: „Diesen Frieden kannst du mitnehmen in die irdische Welt. Unsere Welten sind nicht getrennt voneinander. Wir sind Eins!“  – und sie hatte Recht.
Melina konnte es ganz deutlich fühlen, ihr Herz war erfüllt mit Liebe. Es war ihr gerade so, als sei sie frisch verliebt. Alles schien ihr leicht von der Hand zu gehen, sie summte immerwährend ein Lied. Sie war richtig beschwingt und fröhlich auf dem Weg zur Stadtbahn. Die Sonne strahlte großzügig über die ganze Stadt.

Melina war auf dem Weg zur Arbeit. Sie arbeitete als Kinderkrankenschwester in einem Kinderhospiz. Sie liebte ihre Arbeit mit den kleinen Erdbewohnern sehr. Ganz oft erlebte sie sie wie kleine Meister mit dieser unglaublichen Weisheit, mit der sie so oft zu ihr sprachen.

Sie erinnerte sich dabei an Silke, dieses kleine schwache und zerbrechliche Wesen. Schwer gezeichnet von ihrerem Lymphdrüsenkrebs, all diese Chemos, eben der ganzen Therapie, die nun beendet worden war, weil es klar war, dass es nichts mehr nutzen würde.  Sie war ein so aufgewecktes und bezauberndes Wesen. Oft las Melina ihr zwischendurch immer schöne Geschichten vor. Es waren meistens Geschichten mit Engeln, die ganz liebevoll sich den kranken Kindern annehmen, ihnen ganz besonderen Beistand leisten.


Eines Abends, als Melina ihr wieder eine Geschichte vorlas, die mit Engeln zu tun hatte, sagte sie plötzlich: „Der Engel sagt, es ist bald Zeit für mich mit ins Licht zu gehen.“ Das kleine Mädchen strahlte gerade zu vorfreudig.
„Wie meinst du das – ins Licht gehen?“ fragte Melina behutsam.
„Naja, ich weiß ja, dass ich bald in den Himmel komme. Der Engel hat mir gesagt, ich werde jetzt wie ein Schmetterling. Ich kann dann überall hinfliegen, ich bin dann ganz leicht. Da gibt´s eine ganze Menge Kinder, die auch fliegen können, große und kleine auch. Manchmal bringt Vitalos,  so heisst mein Lichtfreund, sie abends mit. Er sagt ein Schmetterling zu sein ist sehr schön, es tut gar nicht weh, es ist wie einmal Augenzwinkern und dann flieg ich mit ihm davon. Ich bin dann zwar kein echter Schmetterling, aber ich kann fliiiieeeegen!“ Ihre Augen leuchteten voller Leben. ‚
Melina war tief berührt über diese Gelassenheit und diese kindliche Hingabe, dieses Vertrauen in ihren Lichtfreund Vitalos, obschon sie doch todkrank war.

Genau diese Gelassenheit, dieses unglaubliche Vertrauen, diese totale Hingabe an etwas Höheres, das hatte sie sich immerzu schon ersehnt – als ob sie deswegen unter anderem diese nicht immer so leichte Arbeit hier tun würde. Sie hatte Lehrmeister gefunden, die sie durch ihre innere Geisteshaltung etwas wichtiges über das Leben selbst lehren sollten. Von Herzen sehr wünschte sie sich eine höhere Macht, die sie führt, ihr beisteht, der sie voll und ganz vertrauen kann, in die sie sich hineinfallen lassen kann. Denn genau diese innere geistige Haltung wünschte sie sich für ihr Leben als Lebensgefühl: voller Gelassenheit sein, voller kindlichem Vertrauen sein zu dürfen, voller Hingabe sich dem Leben anheimstellen – ebenso wie die Kinder es mit ihrem bevorstehenden Tod tun. Sie lehrten es sie  so oft schon.

Wenige Tage später entschlief das zarte kranke Mädchen ganz sanft in ihrer Anwesenheit. Es war eine merkwürdige und ehrfurchtsvolle Stimmung im Raum.
Ihr letzten Worten waren: „Melina, bitte hör auf, die Liebe zu suchen, denn sie hat dich ja schon lange gefunden“.
Diese Worte gingen ihr so nahe, richtig tief ins Herz. Es war wie eine Art Abschiedsgeschenk von Silke, das sie ihrer liebevollen Betreuerin noch vor ihrem Übergang ins Licht geben wollte.

Melina hatte schon sehr oft beobachtet, dass Kinder ganz natürlich mit ihrem bevorstehenden Tod umgehen.
Oft fragten sie ihre Freunde und Freundinnen, wie sie das nur aushielte, diese morbide Grundstimmung. Überall nur Leid und Krankheit und diese armen Kinder, die am Ende ja doch sterben würden.
Sie selbst sah das gänzlich anders, sie sah weniger das Leiden als mehr diese Liebe, die diese sterbenden Kinder allen schenkten, die offen für sie waren, diese vertrauensvolle und hingebungsvolle Art, mit der sie sich dem Sterbepr0zeß anheimstellten. Welch große Lehrmeister sie doch letztlich waren! Oft berichteten ihr die Kinder von einem Lichtwesen, das immer an ihrem Bett stand und über sie wachte.

Oft erzählten sie auch von ihrer Großmutter, die bereits verstorben war: „Oma freut sich riesig auf mich! Sie sagt, sie backt auch einen großen Schockoladenkuchen, ganz für mich alleine. Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, sitzt sie hier an meinem Bett und erzählt mir Geschichten bis ich wieder einschlafe“.

Wahrscheinlich war es einfach Melinas Art der Wahrnehmung, die sie diese bedingungslose Liebe, in der all das hier geschah, sehen ließ. Durch die Kinder war ihr das möglich. Sie waren letztlich auch der Grund, weshalb sie sich die Geschichte mit Luinarien ausgedacht hatte. Denn sie wollte auf jeden Fall den Kindern davon erzählen, sie spürte intuitiv, dass diese sie verstehen würden und dass es ihnen gut tun würde, an dieses Land des Lichts zu denken und es mit einem verständnisvollen Erwachsenen zu teilen.

Melina war eben anders als ihre Freundin  Susanne, die so stolz auf ihr rationale und „realistische“ Weltsicht war. Sie liebte diese Kinder so tief im Herzen und aufrichtig, dass es kein Wunder war, dass die Kleinen immerzu „Liiina“ riefen, wenn sie dort war. Lina – wie vertraut ihr diese zärtliche Koseform doch war, obwohl sie als Kind immer Mel oder Melly gerufen wurde. Irgend etwas brachte der Name „Lina“ in ihr zum Klingen. Es ließ sie wieder selbst zum Kind werden, die Welt wieder als geheimnisvoll und voller Abenteuer zu sehen. Es ermöglichte ihr, den Kindern wirklich zu begegnen, nicht als Lymphdrüsenpatient, sondern als vollwertiger Mensch. Sie gab den Kindern viel Liebe und Geborgenheit, und es kam tausendfach zu ihr zurück. Ja, sie liebte ihre Arbeit mit den sterbenden Kindern sehr, sie erfüllte sie und bereicherte sie auf eine Art, wie es wohl kaum ein Außenstehender zu verstehen vermag.

Heute sagte man ihr in der Übergabe, dass es Melvin sehr schlecht ginge. Er hatte einen irreparabelen Nierentumor. Die Ärzte sprachen von wenigen Tagen… Melvin war neun Jahre alt, und sein Vater war vor vier Jahren durch ein Unfall ums Leben gekommen. Er hatte noch zwei gößere Geschwister und seine Mutter, die eine tiefgläubige, liebevolle Frau war und  ihn regelmäßig besuchte.
Die Nachtschwester erzählte ihr: „Melvin ist sehr schwach er ruft immerzu „Liiina“, ich glaube er braucht dich jetzt!“

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