13. (Selbst) ANNAHME und (Selbst ) VERGEBUNG

Immer wieder einmal fand Ravel Trost und Kraft, wenn er seiner weisen inneren Stimme lauschte, aber gerade in entscheidenden Momenten dachte er gar nicht daran, sich auf sie zu besinnen. Gerade dann, wenn er Stärkung am nötigsten gebraucht hätte, fehlte ihm die Zeit dafür, oder er kam erst gar nicht auf die Idee, seinen inneren Freund zu Worte kommen zu lassen.

So war es auch heute im Kindergarten gewesen. Alles stürmte auf ihn ein… So viele Bedürfnisse wollten erfüllt werden, so viele Anliegen der Kinder, der Eltern, der Kollegen  prasselten in kürzester Zeit auf ihn ein, dass er sich völlig kraftlos und ausgelaugt fühlte. Als schließlich der kleine wütende Thomas sich von hinten auf ihn warf und an seinen Haaren zog, während er im Begriff war, die Reste einer umgekippten Kakao-Kanne vom Boden zu wischen, war es mit Ravels Fassung geschehen.

Er nahm den schreienden Jungen bei den Schultern und schüttelte ihn, während er ihn anschrie: „So nicht! So nicht mit mir! Was fällt dir eigentlich ein?! Meinst du, mir tut das nicht weh, wenn du mir an den Haaren reißt?!!“

Als der Kleine daraufhin in Tränen ausbrach und schluchzend hervor brachte: „Ich wollte doch nur, dass du mir endlich zuhörst…“, liefen auch Ravel die Tränen übers Gesicht, und er nahm den weinenden Jungen in die Arme, während sich der Kakao weiter seinen Weg über den Boden bahnte… „Es tut mir leid, mein Kleiner, es tut mir so leid…“

Nun war längst Feierabend, doch die Begebenheiten dieses Arbeitstages ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er saß vor seinem PC und konnte sich auf nichts konzentrieren. Immer wieder dachte er daran, wie er die Nerven verloren hatte. Am liebsten würde er sich auflösen und nicht mehr da sein. Er wäre am liebsten vor Scham in den Boden versunken. So hatte er niemals mit Menschen, geschweige denn mit Kindern, umgehen wollen. Im Gegenteil, er war Erzieher geworden, um Kindern das zu geben, was er selbst in seiner Kindheit schmerzlich vermisst hatte: Geborgenheit, liebevolle Annahme und das Gefühl, sicher  geliebt zu sein, was auch immer geschehen mochte – auch bei Dingen, die eben „nicht so gut“ liefen…
Wieder stiegen heiße Wellen in ihm auf . Die Schuldgefühle quälten ihn schon so lange. Gedankenverloren starrte er auf den Bildschirm. Kaum nahm er wahr, dass sich das wunderschöne Bild seiner geliebten inneren Landschaft auf dem Bildschirmschoner zeigte…

Eine gütige Stimme sprach zu ihm: „Du mein lieber, lieber Ravel, ich verstehe dich so gut! Das war auch schwer heute! Und nicht nur heute – so oft ist die Situation im Kindergarten fast nicht zu bewältigen.“
Er saß auf der Wiese bei seinem gütigen Freund und Meister, der ihn nun in die Arme schloss. In diesem liebevollen Verständnis brach die Verzweiflung aus Ravel hervor und ließ seinen Körper in tiefem Schluchzen erbeben. Und während er seine ganze innere Not aus sich heraus brachte in einem lang anhaltenden Tränenstrom, wurde er gehalten, sicher gehalten in starken liebenden Armen. Hier war die Stärke, nach der er sich immer gesehnt hatte. Hier konnte er sich sicher fühlen, in all seiner Bedrängnis aufgefangen und angenommen zu sein. Und er fühlte: Diesem Mann durfte er sich selbst ohne Wenn und Aber anvertrauen. Immer noch weinend erzählte er IHM, was geschehen war. Schließlich fiel ihm ein: „…Ich glaube, du weißt das alles schon, oder?“
„Ja,“ lächelte sein Freund, „doch es tut dir gut, das alles auszudrücken, es in Worten und Tränen aus dir heraus zu bringen. Und es tut dir auch gut, die Erfahrung zu machen, dass da jemand ist, der dir zuhört und dich versteht.“

„Wie heißt du eigentlich?“ fragte Ravel leise.
„Mein Name ist  SemSobra – du kannst auch einfach Sem zu mir sagen.“
„Ich danke dir, Sem, ich danke dir so sehr für dein Verständnis! Es tut so gut. Danach habe ich mich schon so lange gesehnt – genau wie der kleine Thomas, auch er wollte doch nur, dass ich ihm zuhöre und ihn verstehe…“
Wieder kamen Ravel die Tränen. „Ich habe versagt! Ich habe genau das getan, was ich niemals wollte. Ich war hart und laut zu einem Kind, habe es sogar grob angefasst. Ich war genau wie mein Vater! Auch er hatte mich angeschrien damals, als ich mich noch nicht wehren oder fort gehen konnte. Auch er hatte die Beherrschung verloren. Es war so schlimm für uns alle zuhause! Und so wollte ich niemals sein! Oh Gott, ich weiß gar nicht, wie ich mich noch im Spiegel anschauen kann!“

SemSobra fasste ihn an die Schultern und drehte ihn so zu sich um, dass er ihm gegenüber saß.
„Jetzt schau mir in die Augen, bei dem, was ich dir sagen möchte.“

Ravel gehorchte und hatte das Gefühl, in der Liebe dieser Augen zu ertrinken. Gleichzeitig war er hellwach und nahm die Worte, die ihm sein Meister sagte, tief in sich auf:

DU MEIN LIEBES WESEN!
GANZ EGAL, WAS DU TUST ODER WAS DU JEMALS GETAN HAST:
DU HAST IN JEDEM MOMENT DAS BESTE GETAN WAS DU TUN KONNTEST!
DU KANNST NIEMALS ANDERS SEIN ALS DU GERADE BIST.
DU LEBST IN EINEM LEBEN, DAS DICH BIS ZU DIESEM MOMENT SO GEPRÄGT HAT, WIE DU BIST –
MIT ALL´ DER NOT, DEM LEID, DER ANGST DEINER VERGANGENHEIT. MIT ALL´ DEM WAS, DEIN VATER UND DEINE MUTTER DIR MITGEGEBEN HABEN AN EINFLÜSSEN UND AUCH AN WESENSZÜGEN KANNST UND KONNTEST DU NIEMALS ANDERS SEIN UND ANDERS HANDELN, ALS ES IN JEDEM MOMENT GESCHAH UND GESCHIEHT.
DU TRÄGST DEINEN VATER SOWIE AUCH DEINE MUTTER UND DIE EIGENSCHAFTEN ALL DEINER VORFAHREN IN DIR. JA, DU TRÄGST DIE GANZE WELT IN DIR.
DIE STÄRKEN UND SCHWÄCHEN ALLER MENSCHEN LEBEN IN DIR, OB DU DAS WILLST ODER NICHT.
DU KANNST HADERN ODER DIE TEILE IN DIR VERLEUGNEN –
ODER DU KANNST SAGEN: „JA SO IST ES – AUCH ICH HABE DIESEN WESENSZUG IN MIR – UND ICH WILL MICH DAMIT LIEBEN, SO GUT ES IN JEDEM MOMENT GEHT.“
DIE ANTEILE DEINER VORFAHREN SIND SICHER NICHT SO AUSGEPRÄGT IN DIR, DENN DU BIST JA AUCH EIN GROSSES STÜCK UR-DU, ALSO  DAS, WAS DICH SELBST UND DEIN UREIGENSTES WESEN AUSMACHT.
DOCH DU TRÄGST AUCH DIE GANZE WELT IN DIR –
ALLE STÄRKEN ALLE SCHWÄCHEN EINES JEDEN MENSCHEN.
UND DIE VERGEBUNG, DIE DU DIR SELBST SCHENKST, FLIESST DURCH DICH ZU ALLEN, DENEN ES EBENSO GING UND GEHT WIE DIR.“

Zutiefst bewegt nahm Ravel diese Worte in sich auf.
„Du meinst, ich hätte es nicht anders machen können? Jedes mal, wenn ich die Beherrschung verloren habe, war das gar nicht anders möglich?“
„Hättest du dich denn nicht anders verhalten, wenn du gekonnt hättest?“
„O ja, natürlich!“ bestätigte der junge Mann diese Frage. „So oft habe ich mir vorgenommen, niemals wieder so aus zu rasten. Und wenn ein gewissen Maß an Herausforderungen erfüllt war, ist es wieder geschehen. Und jedes Mal habe ich mich so sehr geschämt dafür!“
„Meinst du nicht, es ist jetzt an der Zeit, diesem jungen Mann Ravel, der so viel Not und Schmerz über die Momente seines Ausrastens in sich trägt, Verständnis, Entlastung und Vergebung zu schenken?“
„O ja,“ seufzte Ravel, „das will ich! Wer anders könnte mich so gut verstehen, wie ich mich selbst. Es fühlte sich in den Momenten dieser furchtbaren Wut an, als sei ich ferngesteuert von etwas, das ich einfach nicht beherrschen kann.“
Plötzlich stutzte er…
„Vermutlich war es meinem Vater damals ebenso ergangen… O Gott, ich verstehe ihn… auch er war wie ferngesteuert!  Vielleicht war es ihm gar nicht egal, wie sehr wir darunter litten… Vielleicht leidet auch er jetzt an Schuldgefühlen… Auch er konnte ja nicht anders!“
Die innere Bewegung ließ Ravels Körper erneut erbeben. Und sein Meister hielt ihn… ließ ihn weinen und ließ der Heilung ihren Lauf…

Werbeanzeigen

5 Antworten so far »

  1. 1

    Babsi said,

    liebe marina

    das ist wunderwunderschön geschrieben und ich war richtig drinnen in ravel und kann so gut seine-und auch meine- gefühle nachvollziehen. auch mir passiert es, dass ich mich einfach nur auflösen möchte, weil ich etwas nicht gut genug geschafft habe, wie ichs gerne hätte.
    natürlich gehören licht und schatten zu uns und jeder teil in uns hat seine berechtigung, hier zu sein. jedes kleinste t4eilchen gehört zu uns, macht uns aus..macht uns zu dem, was wir sind..eben das du!
    ich mache mir bewußt, dass ich aus und für die liebe gemacht bin und sie auch als ziel verfolgen möchte. sich selbst lieben und annehmen ist der wegweiser, der mich auch zu der liebe anderer führt
    ganz liebe wochenendgrüße von babsi
    ps: ich hab nun auf meinem blog auch etwas eingebaut zum abo 🙂

    • 2

      Kurz noch dies:
      Das mit dem Abo habe ich auf deiner Seite versucht, war mir aber zu schwierig. Ich komme dich immer mal wieder einfach so besuchen.
      Herzliche Grüße und morgen einen rundum frohen Sonntag wünschen dir
      Marina und Olaf

    • 3

      Du liebe Babsi,

      die Selbstliebe ist der Wegweiser, eine verbindliche Richtschnur um auch andere mehr annehmen und lieben zu können. Wir sehen das hier ganz genauso 😀
      Und was all unsere Schatten angeht, so sind sie letztlich nur verschattets Licht, das wieder an seinen gebührendlichen Platz möchte, nämlich im Licht sein. Oft tut man sich im Menschsein soooo schwer damit, denn Schuld und Scham und die damit verbundenen Ängste sind uns so oft noch im Wege. Und auch hier gilt: „Hab Mitgefühl mit Dir selbst, Du verängstigtes Wesen. Wisse, ich liebe Dich immerzu, auch jetzt in dieser so schweren Stunde. Du bist Licht, Du bist Liebe-das ist was ich in Dir sehe. So bist Du, das bist Du.“

      Wie Du vielleicht bemerkt hast, spricht dann das liebevolle und mitfühlende Wesen zu uns, durch uns, das so tief in unserem Herzen wohnt. Es begleitet Dich immer auf allen Wegen und steht Dir ganz liebevoll und mitfühlend zur Seite.

      Wir bedanken uns HERZlichst für Deinen liebevollen und wichtigen Kommentar 😀
      Frohe Ostern mit viel Liebe im Herzen,

      Marina und Olaf 😀

  2. 4

    Liebe Babsi,
    wie schön, dein Mitgefühl mit Ravel und vor allem mit dir selbst zu spüren! Es macht natürlich besonders viel Freude, wenn das, was wir geschrieben haben, auf so tiefe Resonanz stößt. hab vielen, vielen Dank für deine Worte.
    Dass es dir und uns allen immer selbstverständlicher wird, uns iin allem, was wir sind, anzunehmen und bedingungslos zu lieben, und dies auch im Außen zu erfahren,
    wünschen dir und uns
    Marina und Olaf

  3. 5

    Babsi said,

    ich kenn mich mit diesen readern auch nicht richtig aus leider. doch unter dem feld, wo man den reader auswählen kannst gibts auvh die möglichkeit, per email zu abonnieren, das müßte gehen 🙂
    ich wünsch euch noch einen schönen restsonntag
    babsi


Comment RSS · TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: