10. Ich bin mein bester Freund

Ich bin mein bester Freund

Ravel stand nun im Bad vor dem Spiegel und schaute in sein noch verschlafenes Gesicht. Er sah vor allem in diese unglaublich traurigen Augen. Am liebsten hätte er sich im Bett verkrochen und den ganzen Tag lang nur geweint. Aber dazu war jetzt keine Zeit, denn heute war ein Herbstfest geplant im Kindergarten, in dem er arbeitete. Heute begannen alle etwas früher mit der Arbeit, um noch letzte Vorbereitungen zu treffen.

Ach ja, die Kinder… die Arbeit mit ihnen liebte er sehr. Sicher, manchmal kostete es auch viel Nervenkraft in einem Kindergarten mit über dreißig Kids, klar. Aber grundsätzlich fühlte er sich sehr wohl mit seiner Arbeit. Wenn er an das ein oder andere Kind dachte, musste er sogar etwas schmunzeln.

Die Arbeit gab ihm auch heute wieder Erfüllung. Besonders ein Kind lag ihm am Herzen: ein kleiner Junge, der in all dem lauten Trubel des Herbstfestes abseits stand. Er wirkte traurig und verschlossen. Ravel ging zu ihm und sprach ihn freundlich an:
„Magst du nicht mit den anderen spielen, Micki?“ „Nö…“
„Vielleicht magst du mir deinen Kummer erzählen?“
Da brachen die angestauten und bisher zurück gedrängten Tränen aus dem schmalen Gesichtchen des Jungen heraus. „Die wollen mich nicht! Ich bin dünn und doof, sagt der Thomas!“

Ravel setzte sich mit dem Kleinen ins Gras und schaute ihn verständnisvoll an.
„Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst. Mir ging es auch manchmal so, als ich noch klein war.“

Verwundert schaute Micki den von ihm so bewunderten Erzieher an.
„Ja,“ nickte dieser, „das tut wirklich weh! Doch sag mal, glaubst du denn dem Thomas?“
„Na ja… ich bin ja dünner als die anderen…“

Ja, das bist du,“bestätigte Ravel lächelnd, „aber du bist doch nicht doof! Ganz im Gegenteil, du hast ein ganz helles kluges Köpfchen!“
Langsam entspannte sich Micki. Sein großer Freund hier, der Ravel, war ja schließlich auch nicht doof, obwohl es ihm damals Kinder gesagt hatten. Das stimmte ganz sicher nicht. Also vielleicht hatte sich der Thomas ja auch geirrt und er war gar nicht doof…
„Wichtig ist vor allem, was du von dir glaubst, Micki! Wenn du weißt, dass du ein ganz toller Junge bist – und das bist du! – dann kann es dir weniger weh tun, wenn andere irgend einen Quark von dir behaupten. Und weißt du was? Auch wenn man erwachsen ist, geschieht es manchmal, dass Menschen nichts mehr mit einem zu tun haben wollen, sogar mit guten Freunden kann das passieren. Das tut dann zwar auch weh, aber ist nicht so schlimm, wenn der Gedanken da ist:
EGAL WAS ANDERE DENKEN – ICH BIN IN ORDNUNG SO WIE ICH BIN!!!
UND ICH BIN MEIN BESTER FREUND!“

Hoffnungsvoll starrte Micki den jungen, freundlichen Mann an. „Meinst du, wenn ich mich mag, dass mich vielleicht auch andere mögen können – vielleicht der Frank, oder von mir aus auch ein Mädchen…?“

Ganz genau, mein lieber kleiner Freund! Ich sag dir etwas: Du bist ein ganz prima Kerl – egal ob dünn, dick, groß oder klein. Mit dir kann man toll reden und super spielen. Du bist gut, genau so wie du bist!“
Darauf hin steckte Micki seine kleine Hand in die große Hand seines bewunderten großen Freundes, der seine Gitarre holte und mit ihm zu den anderen Kindern ging, um ein fröhliches Herbstlied an zu stimmen.


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